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Kaspar Hauser oder die Ausgestoßenen könnten jeden Augenblick angreifen!

von Lisa Lie
URAUFFÜHRUNG
Regie: Lisa Lie

Premiere am 1. Februar 2017

In deutscher und englischer Sprache

Aufführungsdauer: 1 Stunde 50 Minuten, keine Pause

»Rätsel seiner Zeit / Unbekannt seine Geburt / Rätselhaft sein Tod« heißt es auf Kaspar Hausers Grabstein. Kaspar fasziniert, provoziert und verstört seit fast 200 Jahren. Seine wahre Herkunft ist bis heute umstritten, seine Biographie ließ ihn zu einem modernen Mythos werden und diente seit 1830 einer Vielzahl von Literaten und Künstler*innen von Jakob Wassermann über Werner Herzog bis hin zu Peter Handke als Projektionsfläche, um über gesellschaftliche Konformität und Abweichung nachzudenken.

Kinderstar oder Freak, Hochstapler oder gewaltsam beseitigter Prinz, Märtyrer oder Monster – wer ist der ungebetene Gast, der wie aus dem Nichts am 26. Mai 1828 in Nürnberg auftaucht? Plötzlich steht er verloren in der Stadt, 16 Jahre alt, kaum kann er sich verständlich machen, nur einen Satz bringt er undeutlich hervor: »Ich möchte ein solcher werden, wie einmal ein anderer gewesen ist«. Ein Lehrer nimmt ihn zunächst fasziniert bei sich auf und bringt ihm das Schreiben bei. Kaspar beginnt daraufhin seine Biographie zu verfassen: Darin behauptet er, wenige Tage nach seiner Geburt eingesperrt worden zu sein. Fortan sei er in völliger Isolation aufgewachsen, ohne jemals einen anderen Menschen zu sehen. Ohne von den anderen ihre Sprache, ihre Gebräuche kennenzulernen, ohne von Kindesbeinen an durch Erziehung in die Gesellschaft integriert worden zu sein.

Für kurze Zeit wird Kaspar dadurch zum schillernden Star. Mit drastischen Mitteln buhlt er um die Aufmerksamkeit seiner Umwelt, fügt sich sogar selbst Verletzungen zu. Nach einer kurzen Phase, in der ein wahrer Kaspar- Hauser-Tourismus in Franken einsetzt und die Medien intensiv über den aufsehenerregenden Fall berichten, wendet sich deshalb das Blatt gravierend. Als das rätselhafte Faszinosum den Reiz des spektakulär Neuen verloren hat, erweist er sich als lästige Zumutung, weil er jede soziale Konvention als keineswegs naturgegebene Konstruktion entlarvt. Kaspar zwingt seine Umwelt, sich über ihre eigenen Werte und Funktionsweisen zu verständigen. Der zusehends Ungeliebte hat dabei rein gar nichts zu verlieren.

Ein Jahr nach seinem Erscheinen soll der Findling gewaltsam beiseite geschafft werden. Ein erster Mordanschlag misslingt noch, die Diskussion um die wahre Herkunft Kaspar Hausers nimmt nun aber an Fahrt auf. Jene, die ihn für einen Betrüger halten, sehen in Kaspar einen Landstreicher, den bloß das bequeme Leben in der Obhut der Nürnberger Gesellschaft reizt. Andere vermuten ein Komplott im Kampf um die Badische Thronfolge, weswegen Kaspar verschwinden musste, um seinen Platz in der Hierarchie freizugeben. Im Dezember 1833 wird Kaspar schließlich erstochen. Er soll endlich wieder unter der Erde verschwinden!

Neben dem berühmten Film von Werner Herzog ist die bekannteste literarische Bearbeitung des 20. Jahrhunderts Peter Handkes frühes Stück »Kaspar« von 1967. Er nimmt dort den Vorgang des Spracherwerbs ins Zentrum und erzählt darüber, wie Sprache die Gedanken so konditioniert, dass Kaspar vermittels einer »Sprechfolter«, wie Handke sein Stück selbst nannte, für Gesellschaft und konventionelles Leben gefügig gemacht werden kann. Im Angesicht der beginnenden Aufarbeitung der NS-Zeit, in der Konformität und Regeltreue Deutschland in das Inferno des Weltkriegs geführt hatten, behandelt Handke auch die strukturelle Gewalt, die jedem Vorgang von Sozialisation innewohnt. Der faszinierende Kern des Mythos besteht insofern in der fortdauernden Provokation, die es bedeutet, wenn eine Mehrheitsgesellschaft von einem eigentlich unerwünschten Einzelnen oder einer Gruppe genötigt wird, ihre eigenen Konventionen zu überdenken. Deshalb lohnt sich in einer Zeit wie der unseren, in der gesellschaftliche wie individuelle Identitäten so fluide sind wie vielleicht nie zuvor, die Beschäftigung mit Kaspar in besonderer Weise.

Die renommierte norwegische Regisseurin und Autorin Lisa Lie wird mit diesem Stoff ihre erste Inszenierung im deutschsprachigen Raum vorlegen. Sie wird eine freie, assoziative Bearbeitung erstellen, die den Mythos Kaspar Hauser in Beziehung mit politischen und sozialen Fragen unserer Gegenwart bringt. Sie erzählt auch eine Geschichte über die Ausgestoßenen unserer Gesellschaft, deren Integration und Teilhabe gleichzeitig das soziale Regelsystem verändern würde. Damit werden sie zur Gefahr für die Privilegien der Mehrheitsgesellschaft.

Ursprünglich Schauspielerin und Performerin, arbeitet Lisa Lie seit 2003 auch als Regisseurin sowie als Autorin von Romanen und Lyrik. 2014-2016 war sie Hausdramatikerin am Norwegian Centre for New Playwriting. Zusammen mit der schwedischen Künstlerin und Performerin Stina Kajaso gründete sie 2003 das preisgekrönte und international anerkannte Duo »Sons of Liberty«, das bis 2009 die norwegische Performanceszene stark beeinflusste. 2004
gründete Lie die künstlerische Plattform »Pony of No Return« (PONR), die sie bis heute leitet und in deren Rahmen Inszenierungen wie »Armless strikes back«(2004), »Woodland Games« (2007/2014), »Blue Motell« (2013) und »I Cloni« (2016) entstanden.


Warnung für photosensitive Besucher*innen:
In der Vorstellung werden Stroboskope verwendet (nach 60 Minuten Spielzeit für eine Dauer von ca. 7 Minuten)

 

Produktionsteam

Autorin: Lisa Lie
Regie: Lisa Lie
Bühne & Kostüme: Maja Nilsen
Dramaturgie: Tobias Schuster
Künstlerische Mitarbeit: Julian Blaue
Besetzung: Kenneth Homstad, Jesse Inman, Vassilissa Reznikoff
und: Gabriel Zschache

Pressestimmen

„Das Wiener Schauspielhaus pulsiert. Hier ist eine junge Generation von Theatermachern am Werk, die ganz eigene, rohe, popaffine Regiepositionen in die Waagschale wirft. (…) Der knapp zweistündige Abend ist wie eine Zwiebel, die immer wieder neue Zivilisationsschichten freilegt. (…) Vassilissa Reznikoff, Jesse Inman, Gabriel Zschache und Kenneth Homstad werfen sich als tanzende, turnende, gestikulierende und zuweilen radebrechend sprechende Schauspieler ins Zeug. In diesen steilen Behauptungen liegt deshalb viel Spannung, weil die märchenhaften Bilder ihre Bedeutungen nicht sofort preisgeben. Man rätselt und staunt.“ Der Standard
 
„Es ist ein starkes Stück Text, mit dem Lisa Lie in ihre fast zweistündige Inszenierung einführt. (…) In dichten, poetischen Bildern zeichnet die Autorin ein Bild zwischen befürchteter Gluckenhaftigkeit und eingetretener Ablehnung.APA

„„Kaspar Hauser oder die Ausgestoßenen könnten jeden Augenblick angreifen“ ist ein Parforceritt durch die Menschheitsgeschichte, betrieben mit enormem Aufwand.“ Wiener Zeitung

„Visuell eindrucksvolle performative Sequenzen changieren zwischen Fremd- und Selbstverortung, Unterdrückung und Unterwerfung, Bewusstsein und Unterbewusstsein, Gewalt und Liebesdrang. (…) Licht-, Kostüm- und Bühnenbild schaffen eindrucksvolle Räume, die in Erinnerung bleiben.“ callisti1010

„Zeitreise im Stroboskopgewitter“ Kurier

„Lisa Lies „Kaspar Hauser“ feiert den Sieg des Unkonventionellen über die Konvention und die Konformität. Was das betrifft, ist das Schauspielhaus Wien ohnedies the place to be. Mottingers Meinung

"Furcht vor der grandiosen Schauspielerin Vassilissa Reznikoff, die den Abend vorantreibt, wie eine machttrunkene Diva." Falter

„Ein fulminant spielendes Ensemble: Kenneth Homstad, Jesse Inman, Gabriel Zschache und Vassilissa Reznikoff, wobei Letztgenannte mit ihrem Eingangsmonolog eine schauspielerische Höchstleistung hinlegt. European Cultural News



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