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Produktionen

GOLEM oder DER ÜBERFLÜSSIGE MENSCH

von Gernot Grünewald
nach Motiven von Karel Čapek, Ray Kurzweil, Stanisław Lem
URAUFFÜHRUNG
Regie:  Gernot Grünewald

Premiere am 28. September 2017

Aufführungsdauer: 1 Stunde 25 Minuten, keine Pause

Stehen wir am Beginn einer neuen Epoche? Gernot Grünewald verknüpft den Golem-Mythos mit literarischen Manifesten des Transhumanismus zu einer musikalischen Textcollage, die eine verstörende Zukunftsvision aufreißt: eine Welt nach dem Menschen.
 
Automaten, Homunkuli, Roboter, Androiden: Der Traum vom künstlichen Menschen ist fast so alt wie der Mensch selbst. Durch die gesamte Kulturgeschichte übten derlei mysteriöse Kreaturen eine ungeheure Faszination auf uns Zauberlehrlinge aus. Sie zeugen von der Sehnsucht, die eigenen Grenzen zu überschreiten und selbst Schöpfer zu werden. Prometheus stahl den Göttern das Feuer, um die menschliche Zivilisation zu stiften, Dädalus und Ikarus wurde die eigene Hybris zum Verhängnis, weil sie nicht hinnehmen wollten, dass der Mensch nicht fliegen könne. In einem auf das 12. Jahrhundert datierenden Text der jüdischen Kabbala ist vermutlich erstmals ein Ritual beschrieben, mithilfe dessen ein formloser Lehm- klumpen in ein lebendiges Wesen transformiert werden könne: Die Legende vom Golem und damit der Mythos der Erschaffung künstlichen Lebens waren geboren. Die Stadt Prag erwies sich in vielerlei Hinsicht als Zentrum der Golem-Sage. Um etwa seine Gemeinschaft vor Übergriffen zu bewahren, schuf der Prager Rabbi Judah Löw einen künstlichen Schutzpatron für die Juden, einen archaischen Arbeitsroboter, der sich durch ein religiöses Ritual zum Leben erwecken und auch wieder deaktivieren ließ. Der Legende nach geriet der Golem jedoch außer Kontrolle und wurde zur tödlichen Gefahr, nicht zuletzt für seinen eigenen Erschaffer. Quer durch die Literaturgeschichte wurde das Golem-Motiv immer wieder aufgegriffen, um das spannungsreiche Verhältnis von Mensch und Schöpfung zu vermessen. Später wird in Mary Shelleys »Frankenstein oder Der moderne Prometheus« der Fortschritt zur Gefahr, wenn das Monster seinen Rachefeldzug gegen seinen Schöpfer beginnt.
 
Mit der fortschreitenden wissenschaftlichen Entwicklung wird die Frage nach der Ambivalenz und den Risiken des Fortschritts immer komplexer. In unserer Gegenwart gilt die Digitalisierung als eine der größten gesellschaftlichen Herausforderungen im Hinblick auf die Zukunft der Arbeit. Seit Langem führt die Automatisierung von Produktionsabläufen zu Angst vor einem drastischen Anstieg der Arbeitslosigkeit. Ist der technische Fortschritt also Fluch oder Segen? Schaffen wir eine Utopie jenseits von Erwerbsarbeit oder steuern wir auf ein gesellschaftliches Schreckensszenario nie gekannter Massenarbeitslosigkeit mit entsprechenden Verwerfungen zu, wie es verschiedene Forscher*innen befürchten?
 
Schon 1920 imaginierte der tschechische Dramatiker Karel Čapek in Assoziation mit dem Golem-Mythos das Ende der Menschheit. In seinem Theaterstück »Rossum’s Universal Robots« zeigt er eine Firma, in der künstliche Arbeitskräfte die Arbeit des Menschen übernommen haben – um gegen die Herren zu rebellieren und sie schließlich auszulöschen. Čapek erfindet mit diesem Stück, abgeleitet vom tschechischen Wort »robot« für Arbeit, den Begriff »Roboter«, der seitdem aus dem internationalen Sprachgebrauch nicht mehr wegzudenken ist. Sein heute weitgehend vergessenes Werk liest sich knapp 100 Jahre nach seiner Entstehung wie ein visionäres Panorama gegenwärtiger Ängste vor dem Ende der Erwerbsarbeit. Im 21. Jahrhundert steht aber nicht nur die Zukunft der Arbeit auf dem Prüfstand, sondern in den Augen vieler Zukunftsforscher*innen die Beschaffenheit desmenschlichen Lebens insgesamt. Was würde geschehen, wenn demnächst eine Künstliche Intelligenz klüger wäre als ihr Schöpfer? Für die Theoretiker des Transhumanismus um Ray Kurzweil, den Leiter der technischen Entwicklung bei Google, ist die Überholung des Menschen durch seine Schöpfung ein durchaus realistisches Szenario. Angesichts der Tatsache, dass die Rechenkapazität handelsüblicher Computer seit den 1940er-Jahren mindestens exponentiell gewachsen ist, scheint die These nicht abwegig, dass ihre Leistungsfähigkeit die des menschlichen Gehirns irgendwann übersteigen könnte. Diesen Zeitpunkt bezeichnet Kurzweil als »Technologische Singularität«. Könnten wir uns in diesem Fall von unseren störungsanfälligen Körpern lösen, sogar unsterblich werden, indem wir unser Bewusstsein in eine Cloud hochladen? Oder ersetzt eine ganz neue Spezies den überflüssigen Menschen? Sind die Golems der Zukunft Computer, körperlose Algorithmen, eine Superintelligenz weit klüger als alle Menschen zusammen, wie es der polnische Futurist Stanisław Lem in seinem Roman »Also sprach GOLEM« nahelegt?
 
Mit suggestiver Bildgewalt verschneidet der Regisseur Gernot Grünewald den Golem-Mythos und seine literarischen Adaptionen mit Texten der Transhumanisten um Ray Kurzweil zu einer musikalischen Textcollage. Der Preisträger des Kurt-Hübner-Regiepreises, geboren 1978 in Stuttgart, inszeniert regelmäßig am Hamburger Thalia Theater und am Deutschen Theater Berlin. Frühere Arbeiten führten ihn u. a. an das Staatstheater Karlsruhe, das Theater Bremen, das Schauspiel Frankfurt oder das Theater Lübeck. Immer wieder verknüpft er in seinen Arbeiten Recherchematerial mit literarischen Fragmenten zu hochkomplexen theatralen Geweben von großer visueller Kraft.

Produktionsteam

Regie: Gernot Grünewald
Bühne & Kostüme: Michael Köpke
Musik: Dominik Dittrich
Video: Jonas Plümke
Dramaturgie: Tobias Schuster
Besetzung: Nicolaas van Diepen, Steffen Link, Vassilissa Reznikoff

Pressestimmen

„Der Abend erzählt vom Ende der menschlichen Zivilisation, die den Kreaturen, die sie erschuf, zum Opfer fiel. Der Abgesang nimmt auf der Bühne sakrale Züge an.“ WIENER ZEITUNG
 
GOLEM oder DER ÜBERFLÜSSIGE MENSCH ist ein reizvolles Gedankenspiel. Die Bilder sind gigantisch, die Diskussionen eröffnet. Mehr kann man von einem Theaterabend nicht erwarten." Mottingers Meinung
 
„Die Uraufführung der Digitaldystopie GOLEM unter Regie von Gernot Grünewald, der auch für das Buch zuständig ist, hatte wenig für das traditionelle Schauspiel übrig. Als im Theaterraum durchgeführte Performance funktionierte sie dennoch wunderbar.“ KURIER
 
„In chorischer Form exekutieren Nicolaas van Diepen, Steffen Link und Vassilissa Reznikoff die Textfragmente, die (einst abstrus scheinenden) Visionen der Utopisten, die Sprachbilder einer sich mehr und mehr selbstständig wie unsicher machenden Technologie. (…) Ob der Mensch die Geister, die er rief los wird, muss sich weisen: Grünewald sieht in seinem gelungenen Theaterabend eher schwarz!“ KRONEN ZEITUNG

"Die Darsteller*innen stehen in einem großen, runden Wasserbecken (großartiges Bühnenbild: Michael Köpke) und führen Rituale aus. (…) Dunkel ist es, ein Feuer brennt, aus Lehm wird der Golem geschaffen, ein stummes menschenähnliches Wesen, das Aufträge ausführen soll. Ein erster Roboter. (…) Das Dystopische Requiem – zum Schluss werden die Menschen von Maschinen kontrolliert – ist atmosphärisch stark“ FALTER


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